Meine Autobiographie – Vorschau auf Kapitel 27 – Michelle, meine Lebensretterin

Inzwischen bin ich fertig mit dem Schreiben meiner Biographie und sie steht ganz kurz vor der Veröffentlichung (siehe hier).

Trotzdem möchte ich Dir doch noch mal einen kurzen Einblick gewähren, was Dich unter Anderem erwartet, solltest Du das Buch irgendwann einmal lesen wollen:


Kapitel 27 – Michelle, meine Lebensretterin

Es war im Juli 2016, als sich plötzlich Lisa wieder bei mir meldete. Wir hatten so lang keinen Kontakt gehabt, nachdem sie damals im April an dem Sonntag so einfach abgehauen war.

Sie schrieb mir, wie sehr sie es bereute, damals einfach gegangen zu sein und wie sehr sie sich nach mir sehnte, nach dem Sex mit mir und allem drum herum.

Nun, ich ließ mich wieder auf Lisa ein und es war ganz genau so wie beim ersten Mal. Lisa verschwand nach einem Tag wieder, machte Schluss und meldete sich nicht mehr.

Das sollte dann bis Oktober 2016 mein Leben bestimmen, denn Lisa und ich versuchten es insgesamt zehn Mal. Jedes Mal ging es mir noch schlechter, wenn sie mich dann wieder fallen ließ, zumal jedes Mal dann noch gemeiner wurde und Lisa schließlich sogar beleidigend wurde.

Es lief jedes Mal gleich ab und heute wundere ich mich, warum ich das so lange mitgemacht habe.

Lisa und ich hatten Kontakt, flüsterten uns liebe Worte zu, sie besuchte mich, wir erlebten zwei wunderschöne Tage. Dann verschloss sie sich urplötzlich komplett gegen mich, igelte sich ein, beendete die „Beziehung“, wurde beleidigend und verschwand. Dann hörte ich mehrere Wochen nichts mehr von ihr, wobei diese Abstände jedes Mal kürzer wurden. Bis sie sich dann plötzlich wieder meldete, mir sagte, wie sehr sie mich vermisste und den Sex mit mir genossen hatte und wie sehr sie es bereute, abgehauen zu sein und dass ich doch das Beste war, was ihr hätte passieren können, etc. Dann versuchten wir es wieder miteinander und die Geschichte wiederholte sich.

Ich liebte sie! Ich wollte sie so sehr! Genau deshalb verzieh ich ihr jedes Mal wieder. Trotzdem es bei jedem Mal noch gemeiner, beleidigender und mieser wurde.

Es ging mir dabei noch schlechter als zuvor und jedes Mal merkte man mir das auch an meinen Postings auf Facebook an, woraufhin sich dann Freunde meldeten und versuchten, mir gut zu zu sprechen.

[……]

Anfang Oktober war dann der zehnte Versuch mit Lisa. Dieser letzte, vergebliche Versuch war dann besonders schlimm für mich und stürzte mich in ein tiefes, schwarzes Loch. Das gipfelte dann in meinem bis dato letzten Selbstmordversuch am 6. Oktober 2016.

Seitdem mich Ulrich mit Marvin verlassen hatte, stellte ich meinen Wecker morgens auf vier Uhr und fuhr um 5 Uhr ins Büro. Doch an diesem Morgen wollte ich nicht auf Arbeit ankommen.

Ich stieg in meinen alten, inzwischen blauen Golf, fuhr aus Bodman heraus und drückte das Gaspedal durch. Ich beschleunigte auf bis knapp 200 Km/h und hoffte, irgendwo aus einer Kurve zu fliegen und nicht mehr aus dem Auto heraus zu kommen.

Ich weiß natürlich, dass das egoistisch war. Ich gefährdete dadurch nicht nur mein Leben, obwohl um die Zeit noch so gut wie niemand unterwegs war. Doch in diesem Moment dachte ich nicht daran, das ich andere verletzen könnte. Ich wollte einfach nur endlich alles hinter mir haben.

Doch ich hatte nicht den Mut, gezielt mein Auto irgendwo gegen einen Baum zu fahren. Stattdessen drückte ich stur das Gaspedal durch, bemühte mich aber trotzdem, wohl unbewusst, das Auto auf der Straße zu halten.

Nun, die Tatsache dass ich gerade dieses Buch hier schreibe, zeigt wohl, dass ich heil auf der Arbeit angekommen bin.

Am Abend erzählte ich Michelle davon und bekam eine Standpauke, die sich gewaschen hatte. Und trotzdem war sie für mich da. Sie schrieb auf dem Messenger den ganzen lieben langen Tag, stundenlang, mit lieben Nachrichten, tröstenden Worten und Aufmunterungen – wirklich täglich.

Michelle machte sich echte Sorgen um mich und sie war die Einzige, die in dieser Zeit für mich da war. So ist es nicht groß verwunderlich, dass ich auf einmal merkte, wie sich Gefühle für sie entwickelten.

[……]

Michelle verstand mich und war in keinster Weise schockiert.

Wir unterhielten uns stundenlang und es wurde nicht langweilig. Am 12. Oktober beichtete ich ihr dann, dass ich mich in sie verliebt hatte.

Michelle, dieses graue Mäuschen, das so still in der Selbsthilfegruppe in Dornbirn war und auch nie irgendwie in mein Beuteschema hinein gepasst hat, diese Frau hatte es mir auf einmal angetan, weil sie mich verstand, für mich da war und sich um mich sorgte.

Michelle ist ein sehr lebenslustiger, freundlicher und warmherziger Mensch und hat in ihrem Leben auch schon viel durchmachen müssen. So hatte sie bereits mit 41 Jahren einen schweren Herzinfarkt und bekam daraufhin mit 42 Jahren ein neues Herz. Ich verliebte mich in sie, weil sie so stark war, so humorvoll und so liebevoll.

Zudem tat mein Borderline sein Übriges, um Lisa schnell vergessen zu machen und meine Gefühle auf Michelle zu fixieren. Michelle jedoch wurde davon völlig überrascht und erschlagen. Es lag nie in ihrer Absicht, mich „rum zu kriegen“. Sie war nicht einmal verliebt in mich, sondern wollte mir eigentlich nur helfen. Trotzdem lud sie mich dann für das kommende Wochenende zu sich nach Hause ein und ich freute mich sehr darauf.

Es war das direkt darauf folgende Wochenende am 15./16. Oktober 2016, als ich am Samstag morgen ins Auto stieg und nach Österreich aufbrach.

Michelle wohnte in Lustenau in Vorarlberg und ich kam dort gegen 11 Uhr an. Ich parkte, stieg aus, ging zu ihrer Wohnungstür und klingelte voll freudiger Erwartung.

Die Tür wurde geöffnet und vor mir stand, mal ganz abgesehen von dem süßen Hund der mir plötzlich um die Beine tänzelte und an mir hoch sprang… ein ganzer Kerl wie er im Buche steht. Michelle stand vor mir, völlig ungestylt. Mit Dreitagesbart, in einer alten, schlabbrigen Trainingshose und einem ärmellosen Muskelshirt.

Ich war völlig hin und weg. Als ich Michelle so zum ersten Mal sah, war es komplett um mich geschehen.

Wir verlebten ein wunderschönes Wochenende zusammen und ich war sehr traurig, als ich am Sonntagabend dann schon wieder gehen musste. Ich musste versprechen, am nächsten Wochenende wieder zu kommen.

Hätte mir irgend jemand nur ein paar Tage vorher gesagt, dass Michelle und ich ein Paar werden würden, ich hätte die Person wohl in Connys Ranch einweisen lassen.

Auf das nächste Wochenende freute ich mich sehr und fuhr dann auch schon am Freitagnachmittag direkt nach der Arbeit los. Als ich bei Michelle ankam, bekam ich ganz große Augen, denn sie hatte mir einen Eierlikör-Gugelhupf gebacken! So etwas hatte noch nie jemand für mich getan.

Wäre Michelle nicht gewesen und hätte sie mich nicht aus diesem tiefen Loch heraus gezogen, hätte ich wohl den Versuch vom 6. Oktober wiederholt und wäre sicher dann auch irgendwann erfolgreich gewesen.

Michelle hat mir mein Leben gerettet und hat mich mit weit offenen Armen aufgenommen, mich getröstet, gehalten und aufgefangen.

Dies ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, wie normalerweise mein Beuteschema bisher war und mit was für Partnerinnen und Partnern ich, wohl wegen meines ausgeprägten Helfersyndroms, bis dahin so zusammen war.

Bisher war es nämlich immer so gewesen, dass ich die Starke sein musste. Ich musste immer die Hosen an haben, die Verantwortung für alles tragen und alles alleine machen. Ich war bisher immer die Ältere gewesen, meine Partnerinnen und Partner waren durchwegs, bis auf Joël damals in Ulm, deutlich jünger gewesen. Meistens waren sie auch psychisch nicht sehr stabil, brauchten Halt und eine starke Schulter.

Bei Michelle ist es endlich genau umgekehrt. Michelle ist sechs Jahre älter als ich und ein relativ dominanter Mensch. Bei ihr kann ich mich fallen lassen, muss nicht die Starke sein und kann mich anlehnen und führen, leiten lassen. Bei ihr darf ich endlich auch einmal die kleine, schwache Prinzessin sein. Diese Tatsache ist vermutlich unser Erfolgsgeheimnis.

[……]

Offiziell ist der 12. Oktober 2016 nun unser Datum, an dem wir zusammen gekommen sind. Dieses Datum sollte zwei Jahre später auch unser Hochzeitstag werden.

Nachdem seit dem 1. Oktober 2017 die Ehe für Alle in Deutschland erlaubt ist, hatten wir beschlossen, uns das „Ja“-Wort zu geben. Was das für ein großes und tolles Ereignis war, wird an anderer Stelle noch erzählt.

 

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Über Christin Löhner 105 Artikel
Christin Löhner ist selbst eine Frau mit transsexueller Vergangenheit. Vergangenheit deshalb, weil sie sämtliche Operationen hinter sich hat und ganz im weiblichen Körper angekommen ist. Sie ist die Gründerin und Leiterin der einzigen Selbsthilfeinitiative zum Thema Transsexualität im Bereich Hegau, Schwarzwald-Baar-Kreis, Allgäu und Bodenseekreis, der Trans* SHG Hegau. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. und begleitet und berät weit über hundert transsexuelle Menschen Deutschland weit mit Tipps und Infos zum Passing, zur Rechtslage, zum Transsexuellengesetz, den Operationen, sowie Mode- und Stilberatung und Makeup-Workshops. Durch ihre Arbeit und ihr soziales Engagement, ihre Vorträge und Seminare zum Thema geschlechtliche Vielfalt, Transsexualität, Transphobie, Toleranz, Mobbing und Diskriminierung an Unis, Schulen und sozialen Einrichtungen, versucht sie sich für ihre Mitbetroffenen einzusetzen und stemmt sich vehement gegen Ungerechtigkeit, Mobbing und Diskriminierung. Auch mit Dokumentationen im Fernsehen, Zeitungen und Radio setzt sie sich immer wieder für die Rechte von transsexuellen Menschen ein und klärt die Öffentlichkeit über dieses Thema auf. Bloggerin, Webentwicklerin, Linux- und Serveradmin, Coffee Junkie, Trans*Beraterin, Trans*Begleiterin, Transgender, Transfrau, MzF

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