Meine Autobiographie – Ein Auszug aus Kapitel 20 – Mein Coming Out als transsexuelle Frau

Es wird mal wieder Zeit für eine kleine Vorschau aus meiner Autobiographie.

Dieses Mal möchte ich Dir mal das Kapitel 20 vorstellen, in dem ich mein Coming Out hatte.

Meine Autobiographie wächst und gedeiht. Inzwischen bin ich bei Kapitel 25 angekommen und es sind noch weitere acht Kapitel geplant. Die Veröffentlichung ist für den August oder spätestens im September geplant.

Viel Spaß beim Lesen:

Kapitel 20 – Mein Coming Out als transsexuelle Frau

Es wurde September 2015 und ich war, nach mehreren Jobs, die ich bekommen hatte, immer wieder, noch in der Probezeit gekündigt worden.

Gerade hatte ich mal wieder die Einladung zu einem Bewerbungsgespräch bekommen. Es ging um einen Job als Webentwickler in Radolfzell, 12 Kilometer von Bodman-Ludwigshafen entfernt. Es wäre perfekt, doch ich machte mir kaum noch Hoffnungen. Ich war inzwischen 43 Jahre alt und nach den letzten Probearbeiten, resignierte ich langsam.

Für diese Bewerbung hatte ich extra noch einmal neue Fotos machen lassen, schick im Anzug und Krawatte.

Das Bewerbungsgespräch sollte Anfang Oktober 2015 stattfinden und ich war sehr nervös. Mit genau dem Anzug und der Krawatte, wie sie auch auf dem Bewerbungsfoto zu sehen waren, ging ich dann zu diesem Bewerbungsgespräch. Als ich dort ankam und es soweit war, saßen dann zwei junge Männer vor mir, die mich sehr freundlich begrüßten.

Julian und Alex, so hießen die Beiden, waren wirklich sehr nett. Sie erzählten von ihrer Akademie für Sport und Gesundheit und worum es bei der Arbeitsstelle ging. Dann erzählte ich von mir, von meinem großen Hobby und Steckenpferd, der Webentwicklung und dem Administrieren von Linux Servern.

Nach einer Stunde war das Bewerbungsgespräch beendet und ich ging mit einem sehr guten Gefühl nach Hause.

Es dauerte dann auch nur eine Woche etwa, bis der Bescheid kam, dass ich zum 15. Oktober 2015 dort als Webentwickler anfangen durfte.

Der 15. Oktober kam und ich ging, gekleidet mit einer Jeans und einem Pulli, ganz normal zur Arbeit. Mir wurden dann die anderen Mitarbeiter vorgestellt und die Räumlichkeiten gezeigt. Dann durfte ich mir meinen Arbeitsplatz einrichten.

Die Firma bestand zu diesem Zeitpunkt aus gerade einmal fünf Personen. Julian war der Chef der Firma, Alex der Leiter der Akademie, Isgard die Buchhalterin, Steffen der Kundensupporter, Tymon der Admin. Mit mir waren wir dann zu sechst.

Alle Kollegen und auch Isgard, die einzige Kollegin, waren wirklich sehr nett und zuvorkommend, halfen mir mit meinem Einstieg in der Firma und waren sehr offen, freundschaftlich, ja, familiär. Wir waren sofort alle per „Du“.

Der erste Arbeitstag ging zu Ende und ich ging mit einem sehr guten Gefühl nach Hause.

Am Abend, ich hatte Marvin bereits ins Bett gebracht und er schlief seelenruhig, setzte ich mich an meinen Laptop, öffnete die Email die ich vor ungefähr einem Jahr formuliert hatte, änderte hier und dort etwas, formulierte dort einen Satz um, fügte hier etwas hinzu.

Dann fiel mir der Name auf, den ich in dieser Email erwähnte… „Aleksia“. Ich überlegte eine Weile, öffnete eine Seite für Babynamen, scrollte die Liste der Namen entlang und blieb bei „Christine“ hängen.

Mir fiel ein, dass ich ja in Second Life einen Avatar hatte, der Criz Runo hieß. Criz… Criz… als Spitzname ganz nett…. Christin?

Oh ja, das war er. Das war mein Name. Ich hörte es förmlich klingeln bei diesem Namen!

Sofort ersetzte ich in der Email den Namen Aleksia durch Christin und fügte, völlig spontan noch einen zweiten Namen hinzu: Sophie. Ja, so wollte ich heißen, wenn es denn so weit war… war es so weit?

Ich dachte an die Akademie, an meinen neuen Arbeitsplatz, an die netten und freundlichen Chefs und Mitarbeiter. Ich dachte daran, wie es mir dort gefallen hat und wie toll ich von allen aufgenommen wurde.

Mein Mauszeiger schwebte über dem „Senden“ Button des Emailprogramms.

Ich dachte daran, was wohl passieren würde, wenn ich nun endlich diesen Schritt gehen würde. Was meine Eltern auf diese Email antworten würden, was meine Kollegen in der neuen Firma sagen würden. Wie lange ich den Job wohl behalten würde, wenn ich morgen als Frau dort hin gehen würde.

Nun, ich machte mir keine großen Hoffnungen oder Illusionen.

Dann dachte ich daran, wie viele Jobangebote ich in den letzten Monaten hatte, wie oft ich Probearbeiten war und dann doch wieder gekündigt wurde, wie viele Bewerbungen ich geschrieben habe…

Ich zuckte die Achseln und dachte, nun, es wäre nur ein weiterer Fehlschlag gewesen und ich kann mich immer und immer wieder bewerben und weiter nach Jobs suchen…

Ich dachte sehr, sehr lange Zeit und über sehr viele Dinge nach.

Ich fixierte den „Senden“ Button und klickte mit der Maus drauf. Das kleine, sich öffnende Popup-Fenster teilte mir mit, dass die Email gesendet wurde. Der kleine blaue Fortschrittsbalken bewegte sich von links nach rechts und meine Hand bewegte die Maus zum „Abbrechen“ Button.

Doch ich zog die Maus wieder davon weg und sah, wie der Balken rechts ankam und das Popup-Fenster sich wieder schloss.

Ich atmete aus…. Es war geschehen… nun war es raus.

Diese Email ging an meine Adoptiveltern, meine Adoptivgeschwister, meine Adoptivtante, sowie an meine leiblichen Geschwister in Berlin. Nun konnte ich es nicht mehr verhindern oder zurück nehmen. Nun war die Email raus und bei den Empfängern angekommen.

[… aus der Vorschau entfernt…]

Von allen Seiten bekam ich nur ein verständnisvolles Lächeln und unterstützende Worte. Sonst nichts. Einfach nur die totale Akzeptanz.

Ich setzte mich wieder an meinen Schreibtisch und arbeitete von diesem Augenblick an, bis heute und auch in Zukunft, als Christin Sophie Löhner bei der Akademie für Sport und Gesundheit.

Es dauerte dann auch keine drei Tage, dann hatte ich meine firmeneigene Emailadresse mit „c.loehner“ vor dem @ Zeichen.

Im Nachhinein muss ich ganz ehrlich sagen: Hätte ich damals auch nur ein böses Wort, einen blöden Blick oder eine doofe Bemerkung bekommen, hätte ich sofort meine Perücke abgenommen, mich abgeschminkt und wäre nie wieder als Frau aufgetreten.

Diese Toleranz und vollkommene Akzeptanz, diese Welle der Unterstützung und des Verständnisses, die mir dort an meinem zweiten Arbeitstag entgegen schlug, waren der Hauptgrund dafür, das ich heute die Frau bin, die ich immer schon war und das ich meinen Weg gegangen bin.

Voller Glücksgefühle und mit einem absoluten Hochgefühl, holte ich dann in meiner Mittagspause Marvin von der Kita ab, fuhr ihn nach Hause zu Ulrike und fuhr dann wieder auf Arbeit.

Als ich am Abend dann nach Hause kam, erzählte und erklärte ich Ulrike, das ich von nun an Christin bin.

Sie schluckte natürlich etwas schwer daran, doch wir hatten so oft darüber gesprochen und ich hatte ihr so oft gesagt, das dieser Tag kommen wird und sie hatte keine andere Wahl, als es zu akzeptieren.

Es war mein Leben und mein Geschlecht, das ich leben musste. Da durfte mir niemand hinein pfuschen oder versuchen mir das streitig zu machen. Es war meine Entscheidung, mein Weg, den ich gehen musste.

Ich setzte mich an diesen Abend an meinen Laptop und rief meine neuesten Emails ab. Neben dem üblichen Spam war auch eine Email von meinem Adoptivpapa dabei, als Antwort auf meine gestrige Email!

Ich hatte Angst sie zu öffnen…

Natürlich klickte ich schlussendlich auf die Betreffzeile der Email um sie zu öffnen und las gespannt die Antwort meiner Eltern:

[…] Du bist jetzt über 40 Jahre alt und kannst und sollst die
Entscheidungen, die für Dich wichtig sind, selbst treffen und 
ohne auf uns Rücksicht zu nehmen. Und ob Mann, Frau, 
Transgender - das ist Deine Sache und ändert unser Verhältnis 
nicht - jedenfalls nicht für uns. […] Wir haben nur die 
Bedenken, ob Du Dir das auch reiflich überlegt hast und Dir ganz 
sicher bist. Spätestens, wenn die Ärzte ins Spiel kommen bzw. 
mitspielen, ist ein Rückweg sehr schwierig. Und irgendwann ist 
es ein „Way of no return“. Wir würden es nur bedauern, wenn Du 
einen unumkehrbaren Schritt dereinst bedauern würdest. […] 
Ansonsten: viel Glück und Erfolg und eine gute Zukunft auf den 
sicher nicht einfachen Weg. [...]

Nun, was soll ich sagen? Mir liefen die Tränen, als ich diese Zeilen las. Mit solch einer tollen Antwort hatte ich beim besten Willen nicht gerechnet.

Schon im Januar 2016 hatte ich dann meine erste psychotherapeutische Sitzung. Denn um diesen Weg wirklich beschreiten zu können und dann auch ein Anrecht auf die geschlechtsangleichenden Operationen zu bekommen, muss man 18 Monate psychotherapeutische Begleittherapie machen.

Irgendwann Ende Januar 2016 teilte mir dann Ulrike mit, dass sie sich ja auch als transsexuell empfand und als Mann weiter leben wollte. Für mich sah das irgendwie nach Trittbrettfahren aus, doch ich akzeptierte diese Entscheidung. Das was ich von ihr forderte, musste ich ihr gleichermaßen natürlich auch zubilligen. Also war Ulrike von da an für mich Ulrich und mein Mann.

Am 2. Juli 2016 wurde meine Adoptivmutter 70 Jahre alt. Zu diesem Anlass war die ganze Familie über dieses Wochenende in Nürnberg in einem Hotel einquartiert.

Am Geburtstag meiner Mutter, saß die ganze Familie am Morgen in einem Restaurant beim Frühstück, als plötzlich mein Adoptivpapa aufstand und mich vor der versammelten Mannschaft ansprach:

Liebe Christin, deine Mutter und ich sind uns 
einig, dass der Weg, den Du gehst, der richtige ist. Denn Du 
hast bisher auf uns immer den Eindruck von jemandem gemacht, 
der eine Rolle spielt und versucht über den Dingen zu stehen. 
Dieser Eindruck ist seit deinem Coming Out vollständig 
verschwunden.

Dies waren die wohl schönsten Worte, die er hatte zu mir sagen können! Denn damit bestätigte er mir auch, dass es wohl doch offensichtlich und abzusehen war. Dass ich diesen Weg einfach gehen musste, um wirklich glücklich sein zu können.

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Über Christin Löhner 107 Artikel
Christin Löhner ist selbst eine Frau mit transsexueller Vergangenheit. Vergangenheit deshalb, weil sie sämtliche Operationen hinter sich hat und ganz im weiblichen Körper angekommen ist. Sie ist die Gründerin und Leiterin der einzigen Selbsthilfeinitiative zum Thema Transsexualität im Bereich Hegau, Schwarzwald-Baar-Kreis, Allgäu und Bodenseekreis, der Trans* SHG Hegau. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. und begleitet und berät weit über hundert transsexuelle Menschen Deutschland weit mit Tipps und Infos zum Passing, zur Rechtslage, zum Transsexuellengesetz, den Operationen, sowie Mode- und Stilberatung und Makeup-Workshops. Durch ihre Arbeit und ihr soziales Engagement, ihre Vorträge und Seminare zum Thema geschlechtliche Vielfalt, Transsexualität, Transphobie, Toleranz, Mobbing und Diskriminierung an Unis, Schulen und sozialen Einrichtungen, versucht sie sich für ihre Mitbetroffenen einzusetzen und stemmt sich vehement gegen Ungerechtigkeit, Mobbing und Diskriminierung. Auch mit Dokumentationen im Fernsehen, Zeitungen und Radio setzt sie sich immer wieder für die Rechte von transsexuellen Menschen ein und klärt die Öffentlichkeit über dieses Thema auf. Bloggerin, Webentwicklerin, Linux- und Serveradmin, Coffee Junkie, Trans*Beraterin, Trans*Begleiterin, Transgender, Transfrau, MzF

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