Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung – AWMF-Registernr. 138/001 – Stand: 09.10.2018 – Version: 1.0

Die sogenanten S*-Leitlinien sind Richtlinien die von der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.) erstellt und bereitgestellt werden. Die S3 Leitlinie dient als Richtlinie für Behandler, Therapeuten und Berater und ist verbindlich. Sie stellt den aktuellsten Stand der wissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnisse dar (Evidenz basiert, also auf Basis von medizinischen und/oder wissenschaftlichen Studien).

Warum ich darüber heute einen Beitrag schreibe, fragst Du?

Nun, am 09.10.2018 hat die AWMF die neuen S3-Leitlinien vorgestellt und hier gibt es einige Änderungen, die für uns Trans* Menschen immens wichtig sind – insbesondere, wenn man noch ganz am Anfang steht. Um genauer zu sein, werfen diese neuen S3-Leitlinien so gut wie alles über den Haufen, was aktuell noch bei mir im Infocenter an Artikeln bezüglich des transsexuellen Weges an sich zu finden ist, weshalb ich finde das es an der Zeit ist, diese neuen Leitlinien publik zu machen und zu besprechen.

Dieser Beitrag wird nun diese neue S3-Leitlinie behandeln und – gerade wenn Du noch ganz am Anfang stehen solltest – es ist sehr wichtig, dass Du Dir diesen Text genau durch liest. Denn die neuen Leitlinien ändern und vereinfachen so einiges für uns!

Es gibt drei Stufen von S*-Leitlinien, nämlich S1, S2 und S3:

  • S1-Leitlinie: Das sind Handlungsempfehlungen einer nicht-repräsentativen Expertengruppe ohne systematische Evidenzbasierung und ohne strukturierte Konsensfindung
  • S2-Leitlinie:
    – S2e-Leitlinie: Evidenzbasierte Leitlinie einer nicht-repräsentativen Expertengruppe
    – S2k-Leitlinie: Leitlinie einer repräsentativen Expertengruppe und mit einer strukturierten Konsensfindung
  • S3-Leitlinie: Leitlinie einer repräsentativen Expertengruppe und mit einer strukturierten Konsensfindung, die auf der systematische Evidenzbasierung (Studien, Literatur, Wissenschaft) aufbaut

In diesem Fall wurde die wichtigste Leitlinie, nämlich die S3-Leitlinie angepasst und veröffentlicht. Die Leitlinie, die von echten, repräsentativen Experten auf Basis von echten medizinischen und/oder wissenschaftlichen Studien, Literarischen Veröffentlichungen und mehr, aufgebaut ist. Diese S3-Leitlinie dient als Richtlinie für die Beratung und Behandlung durch Therapeuten oder auch Selbsthilfegruppen.

Anhand dieser S3-Leitlinie werden die MDS-Richtlinien, nämlich die Vorgaben an die sich der MDK (der Medizinische Dienst der krankenkassen) hält, erstellt.

Und genau das ist der wichtige Punkt! Diese S3-Leitlinien sind verbindlich! Was hier drin steht oder verändert wird, ist für die Krankenkassen nachher Gesetz und für uns der Fahrplan durch unseren Weg zum richtigen Geschlecht.

Nun, worüber sprechen wir hier zum Beispiel? Was wurde verändert und wie sieht der aktuelle Fahrplan denn dann nun für uns aus?
Gehen wir einmal die für uns wichtigsten Punkte und Veränderungen durch. Es folgt eine Liste mit Seitenangaben zum Nachlesen. Das Fettgedruckte ist die Bestimmung direkt aus der neuen S3-Leitlinie und das darunter sind Erklärungen von mir selbst:

  1. Der Wunsch nach Genitalmodifizierung ist zur Einschätzung des Schweregrades einer Geschlechtsdysphorie nicht geeignet (Seite 29)
    Das bedeutet, das Dir niemand mehr vorwerfen darf das Dein Leiden ja nicht so schlimm sein kann, weil Du eventuell keine geschlechtsangleichende Operation machen willst.
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  2. Varianten der körperlichen Geschlechtsentwicklung sind kein Ausschlusskriterium für eine Geschlechtsinkongruenz und/oder Geschlechtsdysphorie. (Seite 30)
    Wenn ich das richtig verstehe, bedeutet das zum Beispiel das Intersexuelle Menschen, also Menschen die von Geburt an mit beiden Geschlechtern ausgestattet sind, nicht mehr vom Trans* Weg ausgeschlossen werden dürfen.
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  3. In klinischen Studien finden sich erhöhte Raten an Depressionen, Suizidgedanken, Suizidhandlungen, Angststörungen, Persönlichkeitsstörungen, etc. wieder. Aber ein bedeutender Anteil der behandlungssuchenden hat keine psychischen Störungen. (Seite 34)
    Dies besagt, das man keine Dysphorie oder sonstige psychische Leiden wie Depressionen, Suizidgedanken, etc. haben muss um als Transsexuell diagnostiziert zu werden.
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  4. Beratende sollten im Hinblick auf die Terminologie, Informationsquellen und Beratungskonzepte spezifisch geschult sein, selbst ausführlich über das Themenfeld der Leitlinie reflektiert haben, über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten und ihre Implikationen informiert sein und nach Möglichkeit Kontakt zur community-basierten Beratung aufnehmen. (Seite 40)
    Das bedeutet, das Therapeuten Selbsthilfegruppen-Leiter*innen oder sonstige Beratende wie zum Beispiel ich auch eine bin, sich über die Leitlinien und Behandlungsmöglichkeiten ausgiebig informiert haben müssen.
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  5. Psychotherapie soll nicht ohne spezifische Indikation angewandt und keinesfalls als Voraussetzung für körpermodifizierende Behandlungen gesehen werden. Die Indikation ist nach den Vorgaben der Psychotherapierichtlinie zu stellen. (Seite 44)
    Bisher war es so, das man anderthalb Jahre lang, also 18 Monate lang eine psychotherapeutische Begleittherapie machen musste um dann schluss endlich ein Recht darauf zu haben, die geschlechtsangleichenden Operationen machen zu dürfen.
    Man benötigt die*den Therapeut*in nur noch dazu, die Diagnose nach ICD10 auf Transsexualität F64.0 gestellt zu bekommen, was ja anhand von ein paar Sitzungen anhand der sogenannten Indikation, die man von*vom Therapeut*in bekommt, sehr schnell erledigt ist.
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  6. Psychotherapie soll trans Personen im Bedarfsfall angeboten werden. (Seite 44)
    Dies bestätigt noch einmal das unter Punkt 2 genannte.
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  7. Alltagserfahrungen mit dem Wechsel von der bisherigen Geschlechtsrolle in eine andere stellen keine notwendige Voraussetzung für den Beginn körpermodifizierender Behandlungen zur Unterstützung einer Transition dar. (Seite 46)
    Es war eigentlich klar, das es kommen musste und es hat sich auch schon agekündigt: Den vermaledeiten Alltagstest gibt es nicht mehr!
    Die S3-Leitlinie besagt ganz eindeutig, das der Alltagstest nicht dabei hilft die Lebbarkeit des Zielgeschlechts zu erkunden, sondern im Gegenteil eher sogar schädlich sein kann, da eine Trans* Person ganz am Anfang gar nicht so weit sein kann, sich unauffällig im Alltag zu bewegen und unweigerlich Ziel für Angriffe werden muss.
    Aus diesem Grund wurde der Alltagstest mit der neuen S3-Leitlinie nun endgültig abgeschafft und alle Krankenkassen, Ärzte und Therapeuten sind dazu angehalten, dies auch zu beachten und nicht mehr zu fordern.
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  8. Behandelnde sollen für körpermodifizierende Interventionen ein kurzes Empfehlungsschreiben abfassen. Das Schreiben soll die Diagnose, ggf. eine Aussage zu begleitenden psychischen Störungen, die jeweils empfohlene Behandlung und die Informiertheit des Behandlungssuchenden über Diagnose und ggf. alternative Therapieoptionen enthalten. (Seite 48)
    Hierbei handelt es sich um die sogenannte Indikation, die ja schon üblich und gebräuchlich ist. Sie sollte den Passus „Die Diagnose Transsexualität nach ICD10 F64.0g gilt als gesichert“ enthalten.
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  9. Modifizierende Behandlungen körperlicher Geschlechtsmerkmale sind für trans Personen, die körpermodifizierende Behandlungen in Anspruch nehmen wollen, die Therapie der ersten Wahl. (Seite 51)
    Dies bestätigt eigentlich nur noch verschiedene Punkte, nach denen die geschlechtsangleichende Operation die vielversprechendste und wichtigste „Therapie“ ist.
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  10. Die Hormontherapie soll nach Abschluss der Diagnostik ermöglicht werden. (Seite 56)
    Dieser Satz besagt nichts anderes als das die Hormontherapie direkt mit der Indikation (Punkt 8) begonnen werden kann. Auch das ist ja bereits der Fall und gebräuchlich.
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  11. Der erschwerte Zugang zu einer Hormonbehandlung unter ärztlicher Betreuung führt dazu, dass manche Behandlungssuchende Hormonpräparate ohne professionelle Unterstützung einnehmen. (Seite 57)
    Dieser Passus besagt, das man, um Eigenmedikation zu vermeiden, die HET so bald wie möglich und ohne „Steine im Weg“ beginnen können soll.
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  12. Die Epilation der Gesichtsbehaarung soll den Behandlungssuchenden bereits zu Beginn der Transition ermöglicht werden. (Seite 59)
    Dies ist eine sehr wichtige Sache für Trans*Frauen. Denn dieser Passus sagt, das man die Epilation sogar ohne Indikation (Diagnose) beginnen können soll. Man muss nicht mehr 12 Monate Hormone abwarten.
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  13. Wegen des wesentlich schnelleren Wirkungseintritts und der damit verbundenen zügigen Reduktion des Leidensdrucks sollte die Epilation der Barthaare mit einem photothermolytischen Verfahren eingeleitet werden. (Seite 59)
    In Zukunft ist also auch eine Laser-Epilation über die Krankenkassen machbar!
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  14. Verbleibende Barthaare, die mit einem photothermolytischen Verfahren nicht entfernt werden können, sollten mit der Nadelepilation entfernt werden. In Sonderfällen (z. B. ausschließlich unpigmentierte Barthaare) kann von vornherein mit einer Nadelepilation begonnen werden. Auch die Kombination beider Verfahren kann notwendig sein. (Seite 59)
    Erst dann (Nach Punkt 13) soll man dann die Nadel-Epilation machen können, bzw. bei entsprechend weißen Haaren kann man auch von vornerein mit der Nadel-Epilation beginnen.
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  15. Bei wiederkehrenden Barthaaren soll ggf. eine erneute Epilation der Barthaare angeboten werden. (Seite 60)
    Die Behandlungen können jeweils nach Belieben wiederholt werden, wenn Haare zurück kommen.
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  16. Sonstige Behaarung am gesamten Körper (Seite 60)
    Alle Epilations-Maßnahmen und die Kostenübernahme dafür gilt für den gesamten Körper!
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  17. Die maskulinisierende Operation im Brustbereich soll den Behandlungssuchenden nach Abschluss der Diagnostik ermöglicht werden. (Seite 61)
    Das Abnehmen der Brust, also die Mastektomie (Frau zu Mann) soll direkt mit der Indikation ermöglicht werden.
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  18. Behandlungssuchenden soll nach Ausschöpfung hormoneller Möglichkeiten eine Mammaplastik ermöglicht werden. (Seite 62)
    Mann zu Frau Transsexuelle können den Brustaufbau erst nach Ausschöpfen aller hormonellen Möglichkeiten machen (Wie bisher)
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  19. Behandlungssuchenden soll die Hysterektomie und Adnektomie ermöglicht werden. (Seite 64)
    Frau zu Mann Transsexuelle können direkt mit der Indikation auch Eierstöcke und Gebährmutter entfernen lassen!
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  20. Zu Beginn einer Transition soll Behandlungssuchenden unabhängig von anderen medizinischen Behandlungen logopädische Behandlung ermöglicht werden. (Seite 68)
    Auch die Logopädische Behandlung, Stimmbildung wird direkt mit Start der Transition übernommen!
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  21. Nach Ausschöpfen logopädischer Behandlungen sollte den Behandlungssuchenden ein phonochirurgischer Eingriff ermöglicht werden. (Seite 68)
    Sogar eine Stimmband-Operation wird nach Ausschöpfen logopädischer Behandlungen übernommen!
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  22. Da ein phonochirurgischer Eingriff nur die Stimmhöhe, nicht aber das Sprechmuster verändert, soll eine postoperative logopädische Weiterbehandlung ermöglicht werden. (Seite 68)
    Auch eine fortführende Logopädie nach der Stimmband-OP wird übernommen!
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  23. Behandlungssuchenden soll zur medizinisch notwendigen Behandlung der Geschlechtsinkongruenz bzw. Geschlechtsdysphorie eine chirurgische Adamsapfelkorrektur ermöglicht werden. Die Empfehlung hierfür kann nach Abschluss der Diagnostik im Rahmen der Behandlung gegeben sein. Sie ist nicht in erster Linie vom objektiven Ausprägungsgrad der Prominentia laryngea abhängig zu machen, sondern von ihrer Wirksamkeit bei der Reduktion der Geschlechtsinkongruenz bzw. Geschlechtsdysphorie. (Seite 69)
    Genauso wie auch eine Adamsapfelkorrektur ermöglicht und bezahlt werden soll!
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  24. Geschlechtsangleichende Operationen (mzf + fzm) (Seiten 73, 74, 75, 76)
    Natürlich werden auch weiterhin alle geschlechtsangleichenden Operationen bezahlt. Neu ist, das auch diese mit der Diagnose, also der Indikation schon ermöglicht werden! Also keine 18 Monate Therapie mehr, keine 12 Moinate Hormone mehr!
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  25. Mit Beginn einer Transition in das weibliche Geschlecht soll Behandlungssuchenden mit androgenetischer Alopezie die Verwendung eines Toupets (Haarersatzteil) oder einer Perücke ermöglicht werden. (Seite 77)
    Bei Personen mit sehr starkem Haarausfall, bzw. genetisch bedingtem Haarausfall, sollen mit der Indikation Perücken oder Haarteile bekommen dürfen.
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  26. Bei androgenetischer Alopezie stellt die Haartransplantation eine Behandlungsalternative dar. Den Behandlungssuchenden sollte eine Haartransplantation ermöglicht werden. (Seite 77)
    Sogar eine Haartransplantation ist nun möglich!
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  27. Hilfsmittel wie Binder, Penisprothesen, Brustprothesen (Seite 81)
    Alle Hilfsmittel wie Binder, etc. werden von den Krankenkassen übernommen!
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  28. Behandlungssuchenden sollen nach Ausschöpfen hormoneller Möglichkeiten und Epilationsbehandlungen gesichtsfeminisierende Operationen ermöglicht werden. (Seite 84).
    Und jetzt kommt der Oberknaller: Sogar Gesichtsfeminisierende Operationen (FFS, facial feminization surgery) werden ab sofort, nach Ausschöpfen aller anderen Maßnahmen, vollständig übernommen!!!

Ich weiß nicht, ob Dir klar ist, was diese ganzen Punkte und Veränderungen bedeuten? Jedenfalls sind sie gelinde gesagt bahnbrechend und eine wahnsinnige Erleichterung für alle, die nun ihren Weg beginnen!

Jetzt müssen wir nur noch hoffen, das der MDK seine MDS Richtlinien möglichst bald auch darauf anpasst. Leider wird das aber wohl ein paar Jahre dauern….

Alle diese Änderungen und Verbesserungen bedeuten aber im Umkehrschluß auch:

Ab sofort ist es möglich, all diese Sachen im Rahmen der S3-Leitlinie zu beantragen und zu fordern. Wird irgendetwas abgelehnt, obwohl man die Vorgaben der Leitlinie erfüllt, kann man sich über das Sozialgericht das Recht auf die Behandlung und die Kostenübernahme erklagen!

Ich werde diese neuen Leitlinien bei unserem nächsten Selbsthilfetreffen der Trans* SHG Hegau in Radolfzell am Samstag, den 15.12.2018 ab 19 Uhr besprechen und zur Diskussion stellen.

Es folgt nun direkt die neue S3-Leitninie hier zum Nachlesen:

Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung - AWMF-Registernr. 138/001 - Stand: 09.10.2018 - Version: 1.0

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